{"id":154,"date":"2017-12-26T22:24:58","date_gmt":"2017-12-26T20:24:58","guid":{"rendered":"http:\/\/wortnymphe.de\/?p=154"},"modified":"2017-12-26T22:24:58","modified_gmt":"2017-12-26T20:24:58","slug":"der-pinguin-auf-der-fussmatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortnymphe.de\/?p=154","title":{"rendered":"Der Pinguin auf der Fu\u00dfmatte"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-130 alignleft\" src=\"https:\/\/wortnymphe.files.wordpress.com\/2017\/12\/img_3416-2.jpg\" alt=\"IMG_3416 (2)\" width=\"130\" height=\"174\" \/>An einem regnerischen Freitag im November betrat Marcus Mommsen das Haus in der Lindenstra\u00dfe 22. Er stieg wie immer zu Fu\u00df die drei Treppen bis zu seiner Dachgeschosswohnung empor. Auf dem letzten Treppenabsatz blieb Mommsen kurz stehen, um in seiner Aktentasche nach dem Haust\u00fcrschl\u00fcssel zu suchen. Er fand ihn in einer Seitentasche und stutzte. Etwas war anders, und das gefiel Mommsen gar nicht. Er sah zu seiner Wohnungst\u00fcr und traute seinen Augen nicht. Auf der sch\u00f6nen neuen Fu\u00dfmatte sa\u00df ein Pinguin. Er reichte Mommsen ungef\u00e4hr bis zur H\u00fcfte und schaute ihn erwartungsvoll an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eGuten Abend\u201c, sagte der Pinguin. Mommsen glaubte, sich verh\u00f6rt zu haben. Hatte der Pinguin gesprochen? Vorsichtig schaute sich Mommsen um. Aber au\u00dfer sich und dem Tier konnte er niemanden entdecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eGuten Abend\u201c, antwortete Mommsen unsicher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eDas wird aber auch Zeit, dass Sie nach Hause kommen. Ich warte schon seit einer Stunde auf Sie.\u201c Mommsen meinte, einen vorwurfsvollen Ton herauszuh\u00f6ren, und versuchte, ein Gef\u00fchl leichten \u00c4rgers zu unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eWollen Sie mich nicht hereinbitten?\u201c Der Pinguin trat ungeduldig von einem Fu\u00df auf den anderen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eEntschuldigung, kennen wir uns?\u201c, Mommsen stand noch immer an der Treppe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eOh, wie unh\u00f6flich von mir\u201c, gluckste der Pinguin. \u201eMein Name ist Bonaparte. Wir kennen uns nicht, aber Sie wurden mir empfohlen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eWirklich?\u201c Mommsen klappte der Mund nach unten. Wer um Himmels willen w\u00fcrde ihn einem Pinguin empfehlen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eUnd was kann ich f\u00fcr Sie tun?\u201c, wollte Mommsen wissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich spreche mit einem Pinguin, dachte er entsetzt. War er verr\u00fcckt geworden? Sollte er vielleicht doch einmal zum Arzt gehen, wie seine Mutter ihm geraten hatte. Sie fand, das geordnete, geregelte Leben ihres Sohnes, ohne Freunde und Bekannte, als nicht gesund. Mommsen hingegen war zufrieden. Er brauchte auf niemanden R\u00fccksicht nehmen und konnte tun, was immer er wollte. War das der Preis daf\u00fcr? Imagin\u00e4re Tiere, die mit ihm sprachen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eIch w\u00fcrde gern bei Ihnen baden\u201c, riss ihn der Pinguin aus seinen Gedanken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eBaden?\u201c Mommsen glaubte, sich verh\u00f6rt zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eJa, baden\u201c, wiederholte der Pinguin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eBei mir?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eJa, bei Ihnen.\u201c Der Pinguin wurde langsam ungeduldig. \u201eHerr Mommsen\u201c, seufzte er. \u201eWir kommen mit unserem Gespr\u00e4ch nicht wirklich voran, wenn Sie alles wiederholen, was ich sage.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eIch verstehe das aber nicht. Wie kommen Sie auf die Idee, bei mir baden zu wollen?\u201c, fragte Mommsen und klang mutiger, als er sich f\u00fchlte. Waren Pinguine eigentlich gef\u00e4hrliche Tiere?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eNun, wie Sie sicher bemerkt haben, regnet es seit Tagen. Der Schmutz der Stra\u00dfe hat mein Gefieder verklebt. Es muss gereinigt werden und deshalb m\u00f6chte ich baden. Vielleicht k\u00f6nnten wir das Gespr\u00e4ch in Ihrer Wohnung fortsetzen?\u201c Der Pinguin schaute hoffnungsvoll zur Wohnungst\u00fcr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Mommsen z\u00f6gerte noch immer. Er wollte den Vogel nicht in seine saubere Wohnung lassen, zumal der ja zugegeben hatte, schmutzig zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eGut\u201c, sagte Mommsen langsam, um Zeit zu gewinnen. \u201eDas verstehe ich. Aber wieso gerade bei mir?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eNun, wie ich schon sagte. Sie wurden mir empfohlen. Man sagte mir, dass Sie in diesem Haus der Einzige mit einer Badewanne sind. Wissen Sie, wir Pinguine m\u00fcssen n\u00e4mlich baden. Duschen reicht nicht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Mommsen hasste jedwede St\u00f6rung seiner Tagesroutine, aber pl\u00f6tzlich f\u00fchlte er einen Anflug von Abenteuerlust. Warum sollte er dem Pinguin nicht helfen und ihn baden lassen? Was hatte er schon zu verlieren? Vermutlich passierte das alles sowieso nur in seinem Kopf. Schlie\u00dflich gab es keine sprechenden Tiere. Au\u00dferdem hatte er sonst nie Besuch. Nur seine Mutter kam einmal im Jahr, wenn er Geburtstag hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Kurzentschlossen \u00f6ffnete Mommsen die T\u00fcr und lie\u00df den Pinguin herein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eDas Badezimmer ist den Flur entlang, hinten rechts.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Mommsen z\u00f6gerte. Sollte er dem Pinguin Shampoo oder ein Handtuch anbieten? Er betrachtete den st\u00e4mmigen und trotzdem stromlinienf\u00f6rmigen K\u00f6rper des Vogels. Das r\u00fcckseitige Gefieder schimmerte im matten Flurlicht in einem warmen ins Schwarze spielende Blaugrau. Der Bauch des Pinguins war wohl mal wei\u00df gewesen, aber durch den Schmutz wirkte er jetzt dunkelbeige.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eBen\u00f6tigen Sie noch etwas?\u201c, erkundigte sich Mommsen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eNein, vielen Dank\u201c, erwiderte der Pinguin. \u201eMir gen\u00fcgt sauberes Wasser vollkommen.\u201c Er watschelte in Richtung des Badezimmers und dr\u00fcckte mit seinen schmalen, kr\u00e4ftigen Fl\u00fcgelchen die T\u00fcrklinke hinunter. Dann z\u00f6gerte er kurz und drehte sich schlie\u00dflich zu Mommsen um.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eSie sind sehr freundlich zu mir. Das ist nicht selbstverst\u00e4ndlich. Das Gef\u00fchl, bei Ihnen willkommen zu sein, ist sehr sch\u00f6n. Wenn Sie m\u00f6gen, k\u00f6nnen wir Freunde werden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Mommsen \u00fcberlegte kurz. \u201eEs w\u00e4re mir eine Ehre\u201c, sagte er schlie\u00dflich. \u201eM\u00f6chten Sie &#8230; \u00e4hm &#8230; m\u00f6chtest du nach dem Bad vielleicht eine Kleinigkeit essen? Ich mache mir jeden Abend etwas, vor dem Fernsehen &#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eFalls du einen Fisch hast, w\u00fcrde ich sehr gern mit dir essen.\u201c Der Pinguin l\u00e4chelte mit seinem langen, schlanken Schnabel und verschwand im Bad.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">W\u00e4hrend Mommsen einen Fisch aus dem Tiefk\u00fchlfach auftaute, dachte er, dass er etwas Besonderes sei. Wer kann schon von sich behaupten, einen Pinguin zum Freund zu haben?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An einem regnerischen Freitag im November betrat Marcus Mommsen das Haus in der Lindenstra\u00dfe 22. 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