{"id":16,"date":"2015-12-12T20:42:38","date_gmt":"2015-12-12T18:42:38","guid":{"rendered":"https:\/\/wortnymphe.wordpress.com\/?p=16"},"modified":"2017-12-26T22:03:05","modified_gmt":"2017-12-26T20:03:05","slug":"der-klang-von-eis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortnymphe.de\/?p=16","title":{"rendered":"Der Klang von Eis"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die wenigsten Menschen wissen, wie Eis klingt. Sie nehmen sich nicht die Zeit, ihm zuzuh\u00f6ren. Die Frau hingegen, die mit ruhigen Ruderschl\u00e4gen das Boot direkt zur Mitte des Sees steuert, kennt die Ger\u00e4usche, die gefrorenes Wasser hervorbringen kann, genau. Seit dem Tag im Januar vor f\u00fcnf Jahren verfolgt sie der Klang des Eises, so vielf\u00e4ltig und verschieden wie keine von Menschenhand geschaffene Musik ihn je hervorbringen k\u00f6nnte. Sie schlie\u00dft die Augen. Die Vergangenheit \u00fcberf\u00e4llt sie unbarmherzig, w\u00e4hrend das Ruder langsam durch das starre Wasser gleitet.<br \/>\nZuerst h\u00f6rt sie ein Knirschen. Dann folgt ein Knarren und Knacken. Es wird immer lauter, fast wie Donnergrollen. Die Spannung ist k\u00f6rperlich sp\u00fcrbar. Sie ahnt mehr den Riss, als dass sie ihn sieht. Das Ger\u00e4usch wird immer bedrohlicher. Dann rei\u00dft das Eis. Ein Klirren und Klingen mischt sich unter das Grollen, wie eine ferne Musik. Langsam dreht sie sich um. Entsetzt und fasziniert zugleich starrt sie auf die etwas hellere Stelle des Eises, auf der Sarah steht und ihr zuwinkt. Sie will schreien, ihr zurufen, dass sie weglaufen soll. Aber kein Laut kommt heraus, nur das bedrohliche Grollen des Eises dringt durch den Nachmittag. Sie sp\u00fcrt die sanfte Ersch\u00fctterung der Eisdecke, bevor Sarah mit einem Poltern, Krachen und Platschen im kalten Wasser verschwindet. F\u00fcr einen Moment sieht sie noch die Hand ihrer Tochter, die versucht, am Rand des Eislochs Halt zu finden. Dann ist auch die Hand verschwunden. Stille breitet sich aus. Endlich l\u00f6st sich der Schrei in ihrer Kehle. Sie will zu dem dunklen Eisloch laufen, aber starke Arme halten sie zur\u00fcck. Ein kurzer Kampf, dann gibt sie auf. Fassungslos beobachtet sie, wie Spazierg\u00e4nger auf die Eisfl\u00e4che laufen, um zu helfen. Einige telefonieren, andere schreien, manche stehen stumm vor Entsetzen. Zwei noch junge M\u00e4nner legen sich auf die Eisfl\u00e4che und robben vorsichtig zu der Stelle, an der das Wasser Sarah verschluckt hat. Sie liegen hintereinander, um das Gewicht besser auf dem Eis zu verteilen. Langsam, viel zu langsam n\u00e4hern sie sich dem Eisloch. Endlich erreicht der erste Helfer das Wasser. Er greift hinein und versucht, das Kind unter den Eisschollen zu ertasten. Immer wieder r\u00fchrt er in dem schwarzen Loch. Schlie\u00dflich holt der junge Mann Luft und taucht den Oberk\u00f6rper in das eiskalte Wasser. Sie beobachtet, wie sein Freund ihn an den F\u00fc\u00dfen h\u00e4lt, damit er nicht auch in der kalten Unendlichkeit verschwindet. Kurz kommt der junge Mann hoch, um Luft zu holen. Dann taucht er wieder ab. Schlie\u00dflich gibt er auf. Die Sirene der Feuerwehr n\u00e4hert sich.<br \/>\nDie Frau in dem kleinen Boot auf dem See \u00f6ffnet langsam die Augen. Sie wirkt zerbrechlich und einsam, so allein auf der fast unbeweglichen Wasserfl\u00e4che. Die Stille rundherum ist beruhigend und macht ihr gleichzeitig Angst. Das Wasser umspielt leise den h\u00f6lzernen Rumpf des Bootes, w\u00e4hrend das Ruder es langsam vorangleiten l\u00e4sst. Die Sonne steht bereits tief am Himmel.<br \/>\nAls w\u00e4re es gestern gewesen, h\u00f6rt sie die Rufe der Rettungstaucher der Freiwilligen Feuerwehr. Sie sieht sich am Ufer sitzen, eine Rettungsdecke um die Schultern, unf\u00e4hig zu sprechen oder auch nur zu denken. Wie durch einen dichten Nebel h\u00f6rt sie, dass man Sarah geborgen habe. Tot.<br \/>\nF\u00fcnf Jahre sind seit dem Tag vergangen, als der See Sarah holte und ihr eigenes Leben genauso zerst\u00f6rte wie das ihrer Tochter. Jeden Tag f\u00e4hrt sie seitdem mit dem Boot auf die Mitte des Sees hinaus. Im Winter geht sie zu Fu\u00df. Manchmal stellt sie sich vor, wie es w\u00e4re, wenn das Eis auch unter ihren F\u00fc\u00dfen nachgeben w\u00fcrde.<br \/>\nDie t\u00e4glichen Ausfl\u00fcge auf den See sind das Einzige, das ihr seit dem Ungl\u00fcckstag den Verlust ihrer Tochter ertr\u00e4glich macht. Immer am Nachmittag, immer zu der Zeit, als Sarah im See verschwand.<br \/>\nDen Rucksack mit einem Handy und Sarahs Teddy hinter sich im Boot sitzt sie reglos eine Stunde auf dem Wasser. Lautlos spricht sie mit ihrer Tochter, erz\u00e4hlt ihr von den Ereignissen des Tages, sagt ihr, wie sehr sie ihr fehlt. Die Frau starrt in die kaum sichtbaren Wellen des Sees, als k\u00f6nnte sie Sarah dadurch \u00fcberreden zur\u00fcckzukommen. Wenn das Handy im Rucksack klingelt, wird sie langsam das Boot wenden und in ihr Leben zur\u00fcckkehren, um am n\u00e4chsten Tag erneut dem Klang des Eises zu lauschen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die wenigsten Menschen wissen, wie Eis klingt. Sie nehmen sich nicht die Zeit, ihm zuzuh\u00f6ren. Die Frau hingegen, die mit ruhigen Ruderschl\u00e4gen das Boot direkt zur Mitte des Sees steuert, kennt die Ger\u00e4usche, die gefrorenes Wasser hervorbringen kann, genau. 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