{"id":18,"date":"2016-01-24T20:12:35","date_gmt":"2016-01-24T18:12:35","guid":{"rendered":"https:\/\/wortnymphe.wordpress.com\/?p=18"},"modified":"2017-12-26T22:01:27","modified_gmt":"2017-12-26T20:01:27","slug":"ein-zu-lauter-nachbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortnymphe.de\/?p=18","title":{"rendered":"Ein zu lauter Nachbar"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Als ich acht Jahre alt war, zog auf das Grundst\u00fcck neben unserem Haus ein Esel. F\u00fcr unseren kleinen Ort in der N\u00e4he von Berlin war das eine Sensation. Nicht dass es bei uns keine Tiere gegeben h\u00e4tte! Nat\u00fcrlich hielten die Bewohner unserer Ortschaft Hunde, Katzen, Kaninchen und was man sonst so in einer gut b\u00fcrgerlichen Siedlung an Haustieren hatte. Einen Esel jedoch gab es bis dato nicht.<br \/>\nNun muss man wissen, dass das Haus, zu dem der Esel fortan geh\u00f6ren sollte, in Besitz des ortsans\u00e4ssigen Pastors war, der dort mit seiner siebenk\u00f6pfigen Familie wohnte. Meine eigene Familie war nicht religi\u00f6s, aber manchmal spielte ich mit den Pastorenkindern.<br \/>\nDer Pastor war naturgem\u00e4\u00df ein sehr religi\u00f6ser Mann. Er war klein und hatte trotz seines noch recht jungen Alters bereits eine Glatze. Obwohl er es mit seiner Kinderschar nicht immer leicht hatte, war er stets gut gelaunt und lustig. F\u00fcr jeden hatte er ein offenes Ohr, egal ob er seinen Gottesdienst besuchte oder nicht.<br \/>\nWarum dieser kleine Mann den Esel gekauft hatte, war nicht ganz klar. Vielleicht dachte er, ein Mann Gottes m\u00fcsse einen Esel besitzen. Vielleicht wollte er seinen Kindern eine Freude machen. Vielleicht tat ihm das Tier auch einfach nur leid.<br \/>\nAuf jeden Fall war es von diesem Zeitpunkt an mit der Ruhe im Ort vorbei, denn der neue Mitbewohner erwies sich als \u00e4u\u00dferst kommunikationsfreudig. Sein I-Aah hallte von morgens um vier bis weit in die Nacht durch den Ort.<br \/>\nDas laute Geschrei des Tieres war auch das erste, das mich auf den neuen Nachbarn aufmerksam machte. Neugierig lief ich zum Gartenzaun, um zu sehen, woher der L\u00e4rm kam. Ich war jedoch nicht die Einzige, die von den Rufen des Esels angelockt worden war. S\u00e4mtliche Kinder der Nachbarschaft und auch einige Erwachsene standen bereits am Zaun und starrten auf das Tier. Die Kleinen neugierig, die Erwachsenen skeptisch, sogar sprachlos.<br \/>\nDer Esel hingegen stand wie selbstverst\u00e4ndlich auf der Wiese vor dem Pastorenhaus. Er hatte einen Strick um den Hals, der im kniehohen Gras verschwand, und kaute gen\u00fcsslich auf dem satten Gr\u00fcn herum. Gelegentlich unterbrach er seine Mahlzeit, um seinen Zuschauern ein ohrenbet\u00e4ubendes I-Aah entgegenzuschmettern.<br \/>\nIch betrachtete das Tier genauer. Es war dunkelbraun, recht mager und hatte eine zerzauste kurze M\u00e4hne. Seine langen, zarten Ohren drehten sich unaufh\u00f6rlich in alle Richtungen, als h\u00e4tten sie Angst, etwas zu verpassen. Am Bauch und am Maul schimmerte wei\u00dfes, fast silbriges Fell, was dem Tier einen Hauch von Eleganz gab. Der in einer gro\u00dfen Quaste endende Schwanz verscheuchte unaufh\u00f6rlich Fliegen, die im Sommer in unserer Region wahrlich eine gro\u00dfe Plage waren. Der gleichm\u00e4\u00dfige Rhythmus dieser Bewegung erinnerte mich an das Metronom, das ich zum Klavierspielen nutzte.<br \/>\nPl\u00f6tzlich hob der Esel den Kopf und sah mir direkt in die Augen. Nie werde ich das Gef\u00fchl von W\u00e4rme vergessen, das mich in diesem Moment durchstr\u00f6mte. Die gro\u00dfen Augen schimmerten schwarz. Absolut nichts deutete auf die Dummheit und Sturheit hin, die den Tieren nachgesagt wird. Im Gegenteil. Die dunklen Eselaugen schauten intelligent und freundlich. Das Tier war kein bisschen von den vielen Leuten irritiert, die sich inzwischen vor dem Gartenzaun angesammelt hatten und gafften, als w\u00fcrde ihnen zum ersten Mal ein solches Langohr unter die Augen kommen. Gleichzeitig lag eine gewisse Traurigkeit im Blick dieses Esels, als w\u00fcsste er, was die Zukunft ihm bringen w\u00fcrde.<br \/>\nZun\u00e4chst wurde das Tier im Ort akzeptiert. Die Erwachsenen erkundigten sich beim Pastor h\u00f6flich nach dem Befinden des Tieres und die Kinder liebten es, auf ihm zu reiten. Wenn sie mit ihm spielten, war es offensichtlich, dass der Esel die Aufmerksamkeit genoss. Aber manchmal, wenn er sich unbeobachtet glaubte, meinte ich erkennen zu k\u00f6nnen, dass seine Augen traurig und schwerm\u00fctig wurden. Dann hatte er etwas Menschliches an sich, so als ob er genau wie wir f\u00fchlen und denken k\u00f6nnte.<br \/>\nLeider hatte der Esel aber auch, so wie bei Menschen nur allzu \u00fcblich, eine Schw\u00e4che, die dazu f\u00fchrte, dass die Akzeptanz unter den Einwohnern des Ortes rasant abnahm. Das arme Tier i-ahte zwanghaft den ganzen Tag, vom fr\u00fchen Morgen bis in die ersten Nachtstunden, tagein, tagaus. Alle Versuche des Pastors, den Esel zum Schweigen zu bewegen, schlugen fehl. Selbst durch die W\u00e4nde des Stalls drang das Geschrei in jedes einzelne Haus des Ortes.<br \/>\nZuerst meuterten die Erwachsenen. Sie begannen, hinter dem R\u00fccken des Pastors zu tuscheln. Schlie\u00dflich beschwerten sie sich ganz offen. Unterst\u00fctzung bekamen sie von den Teenagern des Ortes, die glaubten, aufgrund ihrer Pubert\u00e4t st\u00fcnde ihnen das Recht auf vormitt\u00e4glichen Schlaf zu, was jedoch durch den L\u00e4rm des Esels unm\u00f6glich wurde. Nach einiger Zeit verloren dann auch die Kinder das Interesse an dem Tier.<br \/>\nSchlie\u00dflich musste sich der Pastor wohl oder \u00fcbel dem Druck des Ortes beugen. Eines Tages war der Esel weg. Wohin der Pastor das Tier gebracht hatte, blieb sein Geheimnis. Die Erwachsenen interessierte es nicht und wir Kinder bekamen nur die Auskunft: \u201eEs geht ihm gut.\u201c<br \/>\nGern h\u00e4tte ich gewusst, was aus meinem schreienden Nachbarn geworden ist, der mir ein treuer Freund geworden war. Aber letztlich blieb mir nichts anderes \u00fcbrig, als dem Pastor zu vertrauen, dass der Esel in guten H\u00e4nden sei.<br \/>\nUnd so kehrte wieder Ruhe ein in unseren kleinen Ort in der N\u00e4he von Berlin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich acht Jahre alt war, zog auf das Grundst\u00fcck neben unserem Haus ein Esel. F\u00fcr unseren kleinen Ort in der N\u00e4he von Berlin war das eine Sensation. Nicht dass es bei uns keine Tiere gegeben h\u00e4tte! 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